Motorische Lateralität

Was ist motorische Lateralität?

Die motorische Lateralität bezeichnet die bevorzugte Verwendung der rechten oder linken Vordergliedmaße. Bei Pferden lässt es sich beim Grasen auf der Weide oder Heufressen in der Box beobachten (Abb. 1). Sie stellen dabei bevorzugt das rechte oder linke Vorderbein voran. Dies resultiert aus der unterschiedlichen Aufgabenteilung beider Gehirnhälften (Hemisphären) bei Wirbeltieren. Die linke „rationale“ Hemisphäre steuert Lernvorgänge und Routine-Situationen und die rechte „reaktive“ Hemisphäre verarbeitet Emotionen, steuert Spontanreaktionen und reguliert die Herzfrequenz. Die Informationen werden contra-lateral (zur gegenüberliegenden Körperseite) von den Gliedmaßen zu den Hemisphären übertragen (Abb. 2: rechte Gliedmaße ---> linke Hemisphäre, linke Gliedmaße ---> rechte Hemisphäre). Anders als die natürliche Schiefe, die bereits im Fohlenalter erkennbar ist, entwickelt sich die motorische Lateralität mit der Reifung des Gehirns,  z.B. stellt bei Pferden eine besonders sensible Phase das 2. und 3. Lebensjahr dar. Aber auch bei älteren Tieren kann es zum Beispiel durch Stresseinwirkung zu Veränderungen kommen.

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Abbildung 1: Motorische Lateralität lässt sich beim Grasen auf der Weide oder Heufressen in der Box beobachten. Dabei wird ein Bein vorangestellt (hier linkes Bein).

 

Was geschieht bei Stress?

Forscher konnten zeigen, dass unter Stresseinwirkung die Dominanz der rechten Hemisphäre zunimmt und folglich die Verwendung der linken Vordergliedmaße gesteigert wird (Abb. 2). Infolgedessen ergibt sich in der motorischen Lateralität eine Verschiebung nach links (Abb. 3), d.h. die linken Vordergliedmaßen werden häufiger beim Grasen oder Heufressen vorangestellt.

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Lateralitätsindex

Abbildung 2: Contra-laterale Informationsübertragung zwischen Gliedmaßen und Hemisphären (gelbe Pfeile) sowie die Auswirkung von Stress (rot; Stress ---> Zunahme der Dominanz der rechten Hemisphäre verursacht häufigeren Gebrauch der linken Vorder-Gliedmaße).

Abbildung 3: Lateralitätsindex der motorischen Lateralität vor und nach dem Einsetzen des Stressors. Diesem Beispiel liegen 11 Warmblutpferde zugrunde, die von gewohnter Gruppenhaltung (ohne Stressor) in bis dahin unbekannte Einzelboxenhaltung (Stressor) gebracht wurden.

 

Vorteile motorische Lateralität zu anderen Verhaltensparametern

Stress kann zu Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Stereotypien führen, aber auch zu Verhaltensänderungen, die im ersten Moment nicht als durch Stress hervorgerufene Verhaltensweisen wahrgenommen werden (z.B. Verhaltensweisen im falschem Kontext). Oft bedarf es einer Schulung für eine korrekte Interpretation solcher Verhaltensweisen und dennoch kann die Bewertung subjektiv ausfallen. Die motorische Lateralität ist hingegen objektiver, da für eine bestimmte Anzahl von Beobachtungen lediglich aufgeschrieben werden muss, ob die rechte oder linke Vordergliedmaße vorangestellt ist. Dies kann in Kombination mit physiologischen Parametern (Stresshormone, Immunglobulin A) Hinweise auf Stressbelastung geben und ermöglicht ein Eingreifen bevor Stereotypien z.B. auf Grund ungünstiger Haltungsbedingungen, die Stress für das Pferd bedeuten, entwickelt werden.


Motorische Lateralität und Charaktereigenschaften

Bei Pferden konnte dargestellt werden, dass eine Dominanz der rechten Hemisphäre mit höherer Reaktivität einhergeht. Des Weiteren zeigten Vollblüter eine signifikante Linkspräferenz in der motorischen Lateralität (Dominanz der rechten Hemisphäre). Vollblüter sind dafür bekannt, dass sie dazu neigen stark auf Stress zu reagieren. Quarter Horses, die für ein ausgeglichenes Gemüt bekannt sind, zeigten keine Präferenz. Deshalb könnte die motorische Lateralität einen Hinweis auf die Reaktivität und Stresssensibilität geben. 

 

Literatur

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